Donnerstag, 16. Oktober 2025

Am Auffressen der anderen teilhaben

Die eigenartige neue Motivation des Wohlstands

Etwas Grundlegendes hat sich in unserer Zeit verschoben. Der Wohlstand, der einst als gemeinsames Ziel galt, als Ausdruck von Fortschritt, Bildung und sozialem Aufstieg, scheint heute zu einer Art Überlebenskampf geworden zu sein. Die Gesellschaft gleicht einer Arena, in der der Erfolg des einen immer häufiger den Verlust des anderen bedeutet. Der Kuchen wächst nicht mehr, und so verwandelt sich jede Bewegung nach oben in eine Bewegung, die jemand anderen nach unten drückt. Das neue Klima des Wettbewerbs nährt sich aus der Angst, zu kurz zu kommen – und aus der Lust, wenigstens nicht derjenige zu sein, der verliert.

Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger beschreiben diesen Wandel als das neue „Nullsummendenken“: die Überzeugung, dass jede Verbesserung auf Kosten eines anderen geschieht

Früher war Wohlstand ein Versprechen des Wachstums – ein System, das Raum für mehr schuf, für alle, die sich bemühten. 

Heute erscheint Wohlstand wie ein begrenztes Gut, das verteilt, nicht geschaffen wird. Wer gewinnt, tut dies durch Entnahme. Wer verliert, bleibt dauerhaft ausgeschlossen. Dieses Denken hat sich tief in das soziale Bewusstsein eingegraben und prägt politische Einstellungen, Konsumverhalten und zwischenmenschliche Wahrnehmung gleichermaßen.

Das Gefühl, im eigenen Leben blockiert zu sein, verstärkt diese Dynamik.

Viele erleben, dass sie trotz Arbeit, Anstrengung und Anpassung nicht mehr wirklich vorankommen. Der Aufstieg, einst eine Grundsäule der Moderne, wird zur Fata Morgana. Und wo Fortschritt ausbleibt, entstehen Frust und Enge. Diese innere Stagnation sucht nach einem Ventil – und findet es oft in der Projektion. Der andere wird zum Hindernis, zum Symbol des eigenen Stillstands: der Migrant, der Sozialhilfeempfänger, die „Elite“, die angeblich alles kontrolliert. Die Energie, die einst in Bewegung führte, verwandelt sich in Abwehr, Misstrauen und Zorn.

Aus dieser Stimmung erwächst, was Nachtwey und Amlinger als „Zerstörungslust“ bezeichnen. Es ist die paradoxe Freude daran, andere scheitern zu sehen, die Illusion, sich selbst dadurch wieder lebendig zu fühlen. 

Die Zerstörung des anderen wird zum Ersatz für die eigene, verlorene Gestaltungsfreiheit. 

In sozialen Netzwerken lässt sich diese Dynamik täglich beobachten: Empörung als kollektive Selbstversicherung, das Gefühl, durch Wut Teil einer Bewegung zu sein

➔ Man bekämpft das System – und stärkt es zugleich durch jede Reaktion, jeden Klick, jede neue Welle der Aufmerksamkeit.

So entsteht eine neue Form der Motivation: der Wille, am Auffressen der anderen teilzuhaben. Es ist nicht mehr der Wunsch, selbst zu schaffen, sondern der Drang, nicht verschlungen zu werden. 

➔ Wohlstand wird zum Abwehrprojekt. Er speist sich aus Abgrenzung, aus dem Ausschluss derer, die vermeintlich nicht dazugehören. Diese Haltung findet sich nicht nur in ökonomischen Beziehungen, sondern auch im kulturellen und emotionalen Feld: ➔ Wer Aufmerksamkeit erhält, nimmt sie einem anderen weg; wer gehört wird, verdrängt andere Stimmen. 

➔ Das Spiel um Sichtbarkeit und Anerkennung wird zum Spiegel der materiellen Konkurrenz.

In dieser Logik verliert Wohlstand seine schöpferische Qualität. Er wird nicht mehr als Energiefluss verstanden, sondern als Besitz, der verteidigt werden muss. Dabei war Wohlstand in seiner ursprünglichen Bedeutung nie rein materiell. ➔ Er meinte Fülle, Lebendigkeit, das gute Leben im Sinne eines inneren Gleichgewichts. 

Wenn Wohlstand aber nur noch durch den Mangel anderer definiert wird, verliert er seine Seele. Dann bleibt er ein leerer Körper, der ständig gefüttert werden muss – mit Konsum, mit Aufmerksamkeit, mit neuen Gegnern.

Wir erleben einen gesellschaftlichen Wendepunkt, an dem das Vertrauen in das Gemeinsame erodiert. 

Jeder Rückschritt eines anderen wird als Bestätigung der eigenen Position gefeiert. Doch diese Freude ist kurzlebig; sie nährt sich aus Angst, nicht aus Fülle. 

➔ Der Mensch, der am Auffressen der anderen teilhat, verliert den Kontakt zu jener inneren Kraft, die wahrer Wohlstand bedeutet: die Fähigkeit, sich als Teil eines Ganzen zu erleben, nicht als isoliertes Ich im ständigen Wettkampf.

Wenn der Gewinn des einen tatsächlich zum Verlust des anderen geworden ist, dann braucht es nicht mehr Wettbewerb, sondern ein neues Verständnis von Teilhabe. 

Nicht am Niedergang, sondern am Aufbau. Nicht am Ausschluss, sondern an der Rückkehr zu einer Erfahrung des Miteinanders. 

➔ Denn Wohlstand, der andere schwächt, kann niemals wirklich nähren. 

Nur dort, wo wir einander (wieder) als Mitmenschen statt als Konkurrenten begreifen, beginnt etwas zu wachsen, das Bestand hat etwas, das nicht genommen, sondern geteilt wird.

2025-10-16

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