Dienstag, 14. Oktober 2025

Gesundheit als Ware – die stille Diskriminierung im System der Profitmedizin

Das Gesundheitswesen sollte ein Ort der Heilung sein – ein Raum, in dem der Mensch als Ganzes gesehen, verstanden und unterstützt wird. Doch in unserer modernen Gesellschaft hat sich dieser Anspruch zunehmend verschoben. Gesundheit ist nicht mehr in erster Linie ein Menschenrecht, sondern zu einem Wirtschaftsgut geworden. Der Mensch selbst wird zum Objekt eines Systems, das nicht Heilung, sondern Rentabilität zum obersten Ziel erklärt hat.

Immer häufiger entscheidet nicht das Leiden eines Menschen darüber, ob er behandelt wird, sondern die Frage: Lohnt sich diese Behandlung? Kann man mit dieser Person Geld verdienen? Wenn ja, stehen alle Türen offen – Diagnosen werden gestellt, Therapien verordnet, Operationen geplant. Wenn nein, wird der Mensch zum Problemfall: zum „Kostenfaktor“, zur „wirtschaftlichen Belastung“, zum Patienten, für den sich kein Gewinn erzielen lässt.

Diese Entwicklung ist Ausdruck einer tiefgreifenden moralischen und politisch gesellschaftlichen Schieflage. In einem System, das auf Profitmaximierung ausgerichtet ist, verliert der Mensch seinen Wert als fühlendes Wesen und wird auf seinen Nutzen reduziert. Wer über ausreichende finanzielle Mittel verfügt, hat Zugang zu hochwertiger Versorgung, schneller Terminvergabe, individueller Betreuung und modernsten Therapien. Wer kein Geld hat, steht oft vor verschlossenen Türen, langen Wartezeiten oder Behandlungen, die sich auf das Nötigste beschränken oder sogar abgelehnt werden. .

Das ist nicht nur sozial ungerecht – es ist menschenverachtend. Denn damit wird unausgesprochen verkündet: Nur wer zahlen kann, hat Gesundheit verdient. Gesundheit wird zu einem Privileg, nicht zu einem Grundrecht. Diese Haltung ist eine subtile, aber zerstörerische Form der Diskriminierung – sie teilt die Menschen in wertvoll und weniger wertvoll, in versicherbar und unversicherbar, in lohnend und unlohnend.

Diese Form der Diskriminierung ist besonders gefährlich, weil sie systemisch ist. Sie wird nicht von Einzelnen, sondern von Strukturen getragen: von ökonomischen Zwängen, Abrechnungssystemen, Fallpauschalen und marktorientierten Steuerungen. Ärzte und Pflegekräfte, die einst aus Berufung handelten, geraten in die Zwickmühle – zwischen Menschlichkeit und wirtschaftlichem Druck. Viele empfinden diesen Widerspruch als inneren Konflikt, doch das System lässt kaum Raum für echte Fürsorge.

In diesem Klima entsteht ein paradoxer Zustand: Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt – und doch müssen immer mehr Menschen um angemessene Behandlung kämpfen. Alte, Arme, psychisch Erkrankte, chronisch Kranke oder Menschen ohne Krankenversicherung erleben eine schleichende Ausgrenzung, die selten offen benannt wird. Man gibt ihnen keine direkte Ablehnung, sondern lässt sie einfach „durch das Raster fallen“. Diese Unsichtbarkeit macht die Diskriminierung besonders perfide und menschlich schwer ertragbar.

Der Gedanke, dass Gesundheit an Geld gebunden ist, untergräbt das Fundament jeder humanen Gesellschaft. Denn Gesundheit ist kein Luxusgut, sondern Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben. Wer sich den Zugang zu (vielleicht sogar Existenz notwendiger) Heilung „erkaufen“ muss, lebt nicht in einer solidarischen Gemeinschaft, sondern in einem System der inneren Kälte.

Sozialpolitisch betrachtet ist dies Ausdruck einer kollektiven Ordnung, die sich vom Wesenskern des Lebens entfernt hat. Ein System, das Profit über Mitgefühl stellt, ist ein System, das seine Verbundenheit, und Berechtigung verloren hat. Es sieht und erkennt den Menschen nicht mehr als lebendiges Wesen an, sondern reduziert Menschen auf eine Zahl in einer Statistik. Heilung und damit Gesundheit im tieferen Sinn kann darin nicht stattfinden – denn Heilung entsteht nur dort, wo Liebe, Aufmerksamkeit und Menschlichkeit gegenwärtig sind.

Diese ökonomische Entfremdung des Heilens wirkt wie eine innere Krankheit der Gesellschaft. Sie erzeugt Misstrauen, Enttäuschung und Entfremdung – sowohl bei Patienten als auch bei denjenigen, die in diesem System arbeiten. Ärzte, Pflegerinnen und Therapeuten, die ursprünglich helfen wollten, erleben oft, wie sie selbst zu Rädchen in einem profitgetriebenen Mechanismus werden. Der Mensch wird zum Mittel, nicht zum Zweck.

Die wahre Heilung des Gesundheitswesens beginnt nicht mit neuen Gesetzen oder Techniken, sondern mit einer Bewusstseinsveränderung. Sie beginnt dort, wo wir erkennen, dass der Mensch nicht käuflich ist. Dass Fürsorge, Heilung und Mitgefühl keine finanziellen Produkte sind, sondern Ausdruck einer tieferen Menschlichkeit.

Solange Profit über Menschlichkeit steht, wird Diskriminierung im Gesundheitswesen bestehen bleiben – still, systemisch, legitimiert durch Zahlen und Verwaltung. Erst wenn wir den Mut finden, diese Werte umzukehren – wenn Heilung wieder wichtiger wird als Rendite, wenn Menschlichkeit wieder Vorrang hat vor Effizienz –, kann das Gesundheitswesen seinem eigentlichen Sinn gerecht werden: dem Dienst am Leben.

Gesundheit ist kein Geschäft. Sie ist ein Geschenk des Lebens, das allen Menschen zusteht – unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Nutzen. Eine Gesellschaft, die das wieder erkennt, statt ignoriert – beginnt, ihre eigene Menschlichkeit zu heilen.

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2025-10-14

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