Samstag, 6. September 2025

Deutschland als neoliberale Klassengesellschaft – eine toxische Sonderform

Deutschland als neoliberale Klassengesellschaft – eine toxische Sonderform

In kaum einem anderen Land hat sich die Entwicklung hin zu einer neoliberalen Klassengesellschaft so stark und so eigentümlich vollzogen wie in Deutschland. Die Errungenschaften der Nachkriegszeit, als es gelang extreme Klassenunterschiede zumindest zu mildern und soziale Sicherheit breit zu verankern, wurden seit den 1990er Jahren Stück für Stück abgebaut. Heute zeigt sich ein Bild der Ungleichverteilung, das nicht nur sozialpolitisch fragwürdig, sondern gesellschaftlich zerstörerisch ist: Die wohlhabendsten zehn Prozent der Haushalte verfügen über etwa 60 Prozent des Gesamtvermögens, während gerade einmal 45 Superreiche so viel besitzen wie die halbe Bevölkerung zusammen.

Rückkehr der Klassengesellschaft

Was in den Nachkriegsjahrzehnten mühsam eingehegt wurde, ist zurückgekehrt: die Probleme einer ausgeprägten Klassengesellschaft. Doch diese ist nicht über Nacht entstanden. Sie wurde gezielt durch politische Entscheidungen gefördert und verankert. Besonders einschneidend war die Einführung des sogenannten Hartz-IV-Systems. Es raubte den unteren Schichten nicht nur finanzielle Ressourcen, sondern auch soziale Anerkennung und Zukunftsperspektiven. Wo zuvor die Hoffnung auf sozialen Aufstieg und Teilhabe bestand, setzte ab 2005 ein System der Abhängigkeit ein, das Kontrolle und Entwürdigung zum Prinzip machte. In den Jahren 2005 bis 2010 vollzog sich damit die größte politisch herbeigeführte Verarmung in der Geschichte der Bundesrepublik.

Politische Agenda und Erzählung

Klassengesellschaften entstehen nicht zufällig, sie werden von privilegierten Schichten bewusst erzeugt. In den 1930er Jahren waren es die Nationalsozialisten, die Klassenunterschiede mit offener Gewalt, Terror und ideologischer Propaganda durchsetzten. Nach dem Krieg folgte eine Phase des Ausgleichs – soziale Marktwirtschaft, Mitbestimmung, Ausbau des Sozialstaats. Doch ab den 2000er Jahren trat eine neue, subtilere Form der Machtsicherung auf: die neoliberale Agenda.

Sie entzog gezielt den weniger Privilegierten ihre ohnehin begrenzten Rechte und Ressourcen, während Vermögen und Chancen nach oben umverteilt wurden. Begleitet wurde dieser Prozess von einer Erzählung, die Leistung versprach, aber Abhängigkeit schuf; die Eigenverantwortung predigte, aber systematisch entmündigte. Ressentiments wurden geschürt, Spaltungen vertieft. So entstand eine toxische Klassenstruktur, die heute in Deutschland Realität ist – in dieser Form weltweit einzigartig.

Eine deutsche Sonderform

Die besondere Schärfe dieser Entwicklung lässt sich nicht ohne den historischen Hintergrund Deutschlands verstehen. Das Erbe des Nationalsozialismus, der tief verwurzelte autoritäre Verwaltungsapparat und eine Gesellschaft, die lange Zeit auf Disziplin und Gehorsam gesetzt hat, bildeten den Boden für ein neoliberales Modell, das Menschen nicht befreit, sondern bindet. Was in anderen Ländern als marktradikale Politik erkennbar blieb, wurde hier mit dem Anspruch sozialer Reform verkauft – und so in einer Mischung aus technokratischer Verwaltung und moralischer Überhöhung umgesetzt.

Perspektive: Abbau toxischer Strukturen

Wenn Deutschland nicht dauerhaft in einer unversöhnlichen Spaltung zwischen privilegierten Klassen und entrechteten Schichten verharren will, muss ein radikales Umdenken einsetzen. Notwendig ist:

  • Eine Umkehr der Umverteilung – weg von einer Politik, die Reichtum nach oben lenkt, hin zu einer Stärkung der unteren und mittleren Schichten.
  • Die Wiedergewinnung von Würde und Teilhabe – soziale Sicherungssysteme müssen nicht entmündigen, sondern befähigen.
  • Eine neue Erzählung – nicht Defizite und Pflichten betonen, sondern Möglichkeiten und gemeinsame Verantwortung.
  • Gemeinwohlorientierte Politik – mit klarem Fokus auf Solidarität, Gerechtigkeit und die langfristige Stabilität der Gesellschaft.

Vision einer gerechten Zukunft

Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der die Sorge um die Gesundheit nicht vom Geldbeutel abhängt, sondern als selbstverständlich gilt – so wie saubere Luft oder Bildung. In der Schulen nicht nach Wohnvierteln sortiert sind, sondern jedem Kind die gleichen Chancen eröffnen. In der Arbeit nicht Abhängigkeit und Ausbeutung bedeutet, sondern Teilhabe und Gestaltung.

Eine Gesellschaft, in der Wohnen nicht Spekulationsobjekt ist, sondern ein Recht. In der Reichtum nicht in den Händen weniger gebunkert wird, sondern durch gerechte Steuerpolitik zurückfließt in die Gemeinschaft. In der die Würde eines Menschen nicht danach bemessen wird, wie produktiv er ist, sondern dass er Mensch ist.

Eine Gesellschaft, die Vielfalt nicht als Bedrohung sieht, sondern als Bereicherung. In der Menschen nicht übereinander urteilen, sondern miteinander neue Wege suchen. In der Gemeinwohl und Kooperation über dem Zwang zur Konkurrenz stehen.

Diese Vision ist keine bloße Utopie, sondern eine reale Möglichkeit. Sie wird dann Wirklichkeit, wenn politische Entscheidungen nicht länger den Interessen einer privilegierten Minderheit dienen, sondern dem Leben aller. Eine gerechte Gesellschaft ist kein Traum – sie ist eine Aufgabe.

2025-09-07

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