Sonntag, 7. September 2025

Gesundheit nur für Vermögende – ein Symptom der Klassengesellschaft

Gesundheit nur für Vermögende – ein Symptom der Klassengesellschaft

Gesundheit ist ein Menschenrecht – so jedenfalls lautet das Ideal. In der Realität unserer Zeit zeigt sich jedoch zunehmend das Gegenteil: Gesundheit, Gesundheitsfürsorge und Vorsorge werden immer stärker zu einem Privileg jener, die ohnehin schon durch ihre soziale Klasse und ihren wirtschaftlichen Wohlstand enorm begünstigt sind. Was lange Zeit vor allem die Ärmsten betraf, reicht mittlerweile tief in die Mittelschicht hinein – und betrifft nicht mehr nur deren untere Ränder, sondern die breite Mitte der Gesellschaft.

Wenn Versorgung vom Geldbeutel abhängt

In einer wachsenden Zahl von Fällen entscheidet nicht mehr die medizinische Notwendigkeit über die Versorgung, sondern die Zahlungsfähigkeit. Der unausgesprochene Glaubenssatz vieler medizinischer Dienstleister lautet: „Wer nicht zahlt oder zahlen kann, soll am besten sterben – und habe auch keine Gesundheit verdient.“ Wer hingegen mit einer goldenen Versicherungskarte auftritt, die eine fast unbegrenzte Kostenübernahme verspricht, wird häufig überversorgt – während anderen selbst elementare Leistungen verweigert werden. So spiegelt sich im Gesundheitswesen eine Klassengesellschaft wider, in der Zugang zu Heilung und Prävention zu einem exklusiven Gut für Vermögende geworden ist.

Vorsätzliche Krankheit durch Entzug von Ressourcen

Besonders drastisch zeigt sich die Abwärtsspirale bei jenen, die kein eigenes Einkommen mehr haben oder auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Ihnen werden nicht nur Zugänge zu medizinischer Versorgung erschwert oder verwehrt, sondern oft auch die grundlegenden Ressourcen entzogen, die überhaupt Voraussetzung für Gesundheit sind: gesunde Ernährung, sichere Wohnverhältnisse, psychische Stabilität. Anschließend heißt es, sie seien „selbst schuld“ an ihrem Zustand. Diese Verdrehung der Verantwortung hat sich inzwischen zu einer menschenverachtenden Norm entwickelt, die Krankheit nicht nur hinnimmt, sondern strukturell hervorbringt.

Eine Gesellschaft im Widerspruch

Die Situation ist absurd: Während in politischen Reden die „Würde des Menschen“ und „Chancengleichheit“ hochgehalten werden, entsteht parallel ein Gesundheitssystem, das systematisch jene ausschließt, die es am dringendsten brauchen. Zugleich wächst die Kluft: Auf der einen Seite die Überversorgung der Vermögenden – Check-ups, Spezialbehandlungen, Schönheitsoperationen, die über das Notwendige hinausgehen. Auf der anderen Seite Unterversorgung und systematische Vernachlässigung, die nicht selten in chronischen Erkrankungen und frühzeitigem Tod münden.

Das hätte niemals geschehen dürfen

Dass ein solches Auseinanderklaffen überhaupt möglich wurde, markiert einen moralischen Tiefpunkt. Gesundheit darf kein Luxusgut sein, das sich nur noch jene leisten können, die ohnehin im Überfluss leben. Sie ist Grundlage jedes menschlichen Lebens und damit eine zentrale gesellschaftliche Verantwortung. Der Verlust des gleichen Zugangs zur medizinischen Versorgung bedeutet nicht weniger als den schrittweisen Verlust einer solidarischen Gemeinschaft.

Ein Ruf nach Gerechtigkeit

Wenn eine Gesellschaft zulässt, dass Gesundheit zum Klassenprivileg verkommt, verliert sie ihren humanen Kern. Stattdessen braucht es eine entschlossene Neuausrichtung: Gesundheit als Gemeingut, nicht als Ware. Vorsorge und Fürsorge müssen für alle zugänglich sein – unabhängig vom Einkommen. Nur so lässt sich verhindern, dass Krankheit und Ausgrenzung zum stillschweigenden Todesurteil für jene werden, die keine Lobby haben.

Gesundheit ist keine Frage des Geldbeutels. Sie ist die Bedingung, überhaupt Mensch sein zu können. Genau deshalb darf sie niemals zur exklusiven Ressource der Reichen werden.

Konkrete Lösungsansätze – Gesundheit als Gemeingut

Um diesen Missstand zu überwinden, braucht es tiefgreifende Reformen:

  • Gemeinwohlorientierung des Gesundheitswesens: Krankenhäuser und Praxen dürfen nicht nach Gewinnmaximierung arbeiten, sondern müssen in erster Linie das Wohl der Patientinnen und Patienten sichern.
  • Stärkung solidarischer Versicherungssysteme: Alle Menschen tragen nach ihrer Leistungsfähigkeit zur Finanzierung bei, alle erhalten unabhängig vom Einkommen denselben Zugang zu Leistungen.
  • Prävention statt Reparaturmedizin: Investitionen in gesunde Ernährung, Bewegungsangebote, Wohnqualität und psychische Gesundheit verringern langfristig Kosten und Krankheiten.
  • Gleichwertige Versorgung im ganzen Land: Stadt und Land müssen gleichermaßen Zugang zu Ärztinnen, Pflege und moderner Technik haben – nicht nur privilegierte Ballungsräume.
  • Transparenz und Kontrolle: Finanzströme und Entscheidungsprozesse im Gesundheitswesen müssen öffentlich nachvollziehbar sein, um Missbrauch und Überversorgung für Reiche zu verhindern.

Eine solche Ausrichtung würde die Idee bekräftigen, dass Gesundheit kein Luxus, sondern ein Grundrecht ist. Sie würde die Kluft zwischen Arm und Reich nicht über Nacht schließen, aber sie könnte verhindern, dass Krankheit zur Strafe für Armut wird.

2025-09-07

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