Über das fragile Gleichgewicht zwischen Menschlichkeit, Verantwortung und gesellschaftlicher Kultur
Das Wollen von Wohl für sich selbst und für andere gehört zu den tiefsten Haltungen, die uns als Menschen prägen. Es ist Ausdruck dessen, dass wir nicht isolierte Einzelwesen sind, sondern in Beziehungen leben, die uns tragen und herausfordern. Wohlwollen entsteht, wenn wir unser eigenes Leben achten und zugleich das Leben anderer fördern – nicht in Selbstaufgabe, sondern in einer Balance, die den Kern unseres Daseins berührt. Doch dieses Gleichgewicht ist fragil. Es kann kippen und in sein Gegenteil umschlagen. Wir beginnen dann, oft unbewusst, anderen Schlechtes zu wünschen: aus Neid, aus Angst, aus verletztem Stolz oder dem Irrglauben, dass es uns selbst besser gehe, wenn es anderen schlechter ergeht. Ein solches Schlecht-Wollen vergiftet nicht nur das eigene Innere, sondern zerfrisst auf Dauer auch das soziale Gefüge.
Schon Aristoteles wusste, dass ein gelingendes Leben, die Eudaimonia, nur dort möglich ist, wo Freundschaft und Wohlwollen herrschen – wo Menschen einander das Gute wünschen. Ebenso betonte Konfuzius, dass das Ren, die Menschlichkeit, Grundlage einer gerechten Ordnung ist; ein Herrscher, der nicht vom Wohl der Menschen ausgeht, verliert seine Legitimation. Spinoza erklärte, dass Wohlwollen keine Pflicht, sondern eine natürliche Folge des Lebens selbst sei: Alles, was die Kraft anderer stärkt, erhöht auch unsere eigene. Rousseau und Schopenhauer wiesen darauf hin, dass Mitgefühl die Urquelle moralischen Handelns sei – und dass in dessen Fehlen die Wurzel der Grausamkeit liegt. Hannah Arendt schließlich machte deutlich, dass das Politische nur bestehen kann, wenn wir ein Minimum an Wohlwollen für den anderen bewahren, während Levinas die Verantwortung radikal zuspitzte: Im Antlitz des Anderen begegnet uns ein Anspruch, der uns zum Wohlwollen verpflichtet, über jedes Kalkül hinaus.
Diese Stimmen klingen in unsere Gegenwart hinein und wirken aktueller denn je. Denn heute beobachten wir, wie sich das Miss-Wollen in subtiler wie offener Weise Bahn bricht. In den sozialen Medien etwa werden Neid, Häme und Empörung von Algorithmen verstärkt, die gerade das Trennende belohnen. Anstatt Räume der Resonanz zu schaffen, entstehen so leicht Echokammern, die Misstrauen nähren. Aristoteles’ Gedanke, dass das Glück des Einzelnen auf dem Wohl des anderen beruht, scheint hier in Vergessenheit geraten. Auch in der Politik zeigt sich die Gefahr, wenn Gegner nicht mehr als Mitstreiter in einer gemeinsamen Welt, sondern als Feinde behandelt werden. Populistische Strömungen leben von Feindbildern und von der Illusion, die eigene Gruppe werde stärker, wenn andere geschwächt werden. Damit bestätigen sie genau jene Irrtümer, die schon die Philosophen als zerstörerisch beschrieben haben.
Die Wirtschaft schließlich ist ebenso ambivalent: Sie kann Menschen Wohlstand ermöglichen, doch wenn sie ausschließlich auf Konkurrenz und Überbietung setzt, fördert sie eine Haltung des Miss-Wollens, in der das Scheitern des anderen als eigener Erfolg gilt. Spinozas Einsicht, dass Hass und Missgunst die eigene Lebenskraft schwächen, wird hier in großem Maßstab sichtbar. Und auch Hannah Arendts Warnung, dass ohne Wohlwollen kein Raum des gemeinsamen Handelns bestehen kann, spiegelt sich in einer Gesellschaft, die Gefahr läuft, in Extreme und unüberbrückbare Spaltungen zu zerfallen.
Wenn das Miss-Wollen in Machtpositionen verankert wird, entsteht die größte Gefahr. Regierende, die dem Volk nicht Wohl, sondern Nachteil wünschen, handeln nicht nur unethisch, sondern zerstören die Grundlagen einer Kultur des Menschlichen. Die Geschichte zeigt, dass ganze Nationen daran zerbrechen können. Doch auch in kleineren Dimensionen, in Ämtern, Verwaltungen, Betrieben, kann eine Haltung des Miss-Wollens tiefe Schäden anrichten, wenn der Irrtum herrscht, dass das eigene Fortkommen nur durch die Schwächung anderer gesichert sei.
Gerade deshalb ist es eine Aufgabe unserer Zeit, das Wohlwollen bewusst zu pflegen – im persönlichen Alltag ebenso wie im politischen und wirtschaftlichen Leben. Es braucht Orte, an denen Vertrauen wachsen kann, Medien, die nicht nur Empörung, sondern auch gelingende Beziehungen sichtbar machen, und Institutionen, die dem Wohl der Menschen dienen statt Spaltungen zu nähren. Wohlwollen ist keine naive Haltung und kein moralischer Luxus, sondern eine existentielle Notwendigkeit. Es ist die stille Kraft, die Gesellschaften zusammenhält, und die einzige Antwort auf die zerstörerischen Kräfte des Miss-Wollens.
So zeigt sich: Das Wollen von Wohl ist nicht bloß eine private Haltung, sondern ein universaler Anspruch. Philosophisch betrachtet ist es Glück, Menschlichkeit, Lebenskraft, Mitgefühl, politisches Fundament und ethische Verantwortung. Gesellschaftlich betrachtet ist es die Bedingung des Überlebens. Wenn wir es verlieren, droht uns nicht nur innerer Zerfall, sondern auch der Bruch der Gemeinschaft. Wenn wir es jedoch pflegen, können wir jene Resonanz, Echtheit und Menschlichkeit entfalten, die das Leben trägt.
Das Wollen von Wohl
Das Wollen von Wohl ist mehr als eine Tugend – es ist die innere Architektur einer menschlichen Welt. Dort, wo Menschen einander Gutes wünschen, wächst Vertrauen, entsteht Resonanz und reift Kultur. Dort, wo Miss-Wollen Raum gewinnt, breiten sich Misstrauen, Zerstörung und Spaltung aus. Die Zukunft unserer Gesellschaften hängt deshalb entscheidend davon ab, ob wir das Wohlwollen in uns selbst und in unseren Institutionen stärken können. Es ist die einfachste, zugleich aber auch die schwerste Aufgabe: im Anderen nicht den Gegner, sondern den Mitmenschen zu erkennen. In diesem Erkennen liegt die Möglichkeit eines guten Lebens – für den Einzelnen wie für das Ganze.
2025-09-15
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