Freitag, 5. September 2025

Die Gefahr der kategorischen Zuschreibung in Bildung, Arbeit und Gesellschaft

In unseren Bildungs- und Arbeitskulturen, aber auch in den sozialen Systemen und in der Bürokratie, hat sich ein Muster verfestigt: Menschen wird allzu oft eine kategorische Unfähigkeit, mangelnder Wille oder gar Faulheit zugeschrieben. Diese Zuschreibungen sind selten individuell begründet, sondern entspringen einer strukturellen Engstirnigkeit, die nicht auf den Menschen, sondern auf starre Systeme blickt. Wer sich einbringen möchte, sieht sich häufig mit Misstrauen, Vorurteilen und Hürden konfrontiert.

Besonders in Deutschland sind wir darin geübt, erst über Zertifikate, Nachweise oder langwierige bürokratische Prozesse den Wert und die Kompetenz eines Menschen anzuerkennen. Dieses Denken ignoriert gelebte Erfahrung, praktische Fähigkeiten und individuelle Motivation. Statt Potenziale zu fördern, wird ein Generalverdacht gepflegt: „ohne Nachweis nichts wert.“ Damit entsteht eine Kultur des Misstrauens, die nicht nur lähmt, sondern auch systematisch entmutigt.

Die Folgen sind spürbar. Wer das Gefühl hat, von vornherein in eine Schublade gesteckt zu werden, verliert die Lust, sich einzubringen. In Schulen führt es zu Frustration und innerem Rückzug, in Unternehmen zu Dienst nach Vorschrift und stiller Kündigung, in sozialen Systemen zu Resignation und Abhängigkeit. Dieses Klima verstärkt eine gesellschaftliche Verdrossenheit, die längst auch die politische Ebene erreicht hat: Menschen wenden sich ab, weil sie keine Wirksamkeit mehr spüren.

Dringend notwendig ist daher eine Umorientierung hin zu politischer, sozialer und vor allem emotionaler Bildung – insbesondere bei Entscheidern und Schlüsselpersonal. Wer Verantwortung trägt, muss die Fähigkeit entwickeln, Potenziale zu sehen, Respekt zu geben und Vertrauen zu ermöglichen. Strukturen sollten weniger auf Misstrauen und Kontrolle beruhen, sondern auf Zutrauen und Förderung.

Die Zeit drängt. Die Respektlosigkeit, die Menschen täglich erfahren, hat bereits Teile der Gesellschaft abgehängt. Ganze Gruppen fühlen sich ausgeschlossen, manche von ihnen sind für das Miteinander womöglich dauerhaft verloren. Doch mit jedem Tag wächst die Zahl derer, die den Anschluss verlieren. Eine Umkehr ist bislang nicht in Sicht – und genau deshalb müssen Veränderungen schnell, mutig und konsequent angestoßen werden.

2025-09-05

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