Es ist eine der bittersten Diagnosen unserer Zeit: Wir haben den Menschen aus dem Blick verloren. Die Frage nach dem „Warum“ unseres Tuns, nach dem Sinn und Ziel unserer Anstrengungen, scheint abhandengekommen zu sein. Stattdessen regiert ein eigentümlicher Automatismus, ein unsichtbarer Mechanismus, der Handlungen, Entscheidungen und ganze Systeme antreibt, ohne dass jemand noch wirklich weiß, welchem Zweck sie dienen sollen.
Der Automatismus des Zwecks
In vielen Bereichen unseres Lebens herrscht das Gefühl, einer Maschine ausgeliefert zu sein, deren Räder sich unaufhörlich drehen. Politik, Wirtschaft, Bildung und Medizin scheinen einem immer gleichen Rhythmus zu folgen: Effizienzsteigerung, Optimierung, Wachstum. Doch die entscheidende Frage – „Wem dient das?“ – bleibt unbeantwortet. Der Zweck wird zum Selbstzweck, das Mittel zur Norm. So wächst eine Gesellschaft heran, in der Handlungen nicht mehr an Menschen und ihren Bedürfnissen gemessen werden, sondern an Systemlogiken, die niemand mehr durchschaut.
Der Markt als Zwangsmechanismus
Besonders deutlich wird dieses Phänomen am Markt. Ursprünglich gedacht als Instrument, um den Austausch von Gütern und Dienstleistungen zu erleichtern, hat er sich längst zu einem Zwangsmechanismus verselbständigt. Der Profit gilt als oberstes Ziel – nicht mehr, weil er konkrete Lebensqualität schafft, sondern weil er sich selbst legitimiert. Unternehmen jagen Quartalszahlen, Staaten messen ihren Erfolg am Wachstum, Individuen werden auf ihre ökonomische Verwertbarkeit reduziert. Doch paradoxerweise bleibt genau das Wachstum aus, weil es ohne Rückbindung an den Menschen zur hohlen Formel wird.
Der Mensch als Symptomträger und Funktion
In der Medizin spiegelt sich diese Logik wider. Patientinnen und Patienten erscheinen nicht mehr als leidende, suchende Menschen, sondern als wandelnde Symptome, deren Krankheiten ökonomisch verwertet werden. Behandlungen dienen nicht selten der Generierung von Einnahmen statt der Heilung. Der Mensch verschwindet hinter Diagnoseschlüsseln und Abrechnungscodes.
Ähnlich verhält es sich im Bildungssystem: Kinder und Jugendliche werden zu wandelnden Noten degradiert, zu Funktionen, die in eine ökonomische Ordnung eingepasst werden sollen. Bildung verliert ihre befreiende, geistige Dimension und wird auf Leistungsmessung reduziert. Der Mensch mit seiner Einzigartigkeit, seiner Kreativität, seiner Fähigkeit zu staunen – er bleibt unsichtbar.
Die Notwendigkeit des Umbruchs
Wenn wir als Gesellschaft und Nation eine Zukunft haben wollen, müssen wir diesen Automatismus radikal durchbrechen. Wir dürfen den Menschen nicht länger als Mittel begreifen, sondern müssen ihn wieder in den Mittelpunkt stellen – als Ziel aller Bemühungen. Das bedeutet:
In der Wirtschaft: Produktion nicht für den Markt um des Marktes willen, sondern für die konkrete Verbesserung menschlichen Lebens.
In der Medizin: den Menschen als Ganzes sehen und Heilung über Profit stellen.
In der Bildung: Kinder nicht formen wie Bauteile für ein System, sondern sie ermutigen, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten.
Ein neuer Maßstab
Es braucht einen neuen Maßstab für unser Handeln, einen, der nicht aus blindem Wachstumszwang erwächst, sondern aus der Frage: „Fördert das, was wir tun, das Leben?“ Dieser Maßstab mag unbequem sein, er mag bestehende Strukturen in Frage stellen, aber er ist notwendig.
Denn nur wenn wir den Menschen wieder in den Blick nehmen – mit seinen Bedürfnissen, seiner Würde, seiner Freiheit –, können wir als Gesellschaft und als Nation eine Zukunft gestalten, die nicht von Automaten bestimmt wird, sondern von echter Menschlichkeit.
Philosophischer Resonanzraum
Die Diagnose, dass der Mensch im Getriebe der Systeme aus dem Blick geraten ist, hat eine tiefe philosophische Tradition. Viele Denkerinnen und Denker haben versucht zu ergründen, was geschieht, wenn der Zweck zum Selbstzweck wird und der Mensch auf seine Funktion reduziert bleibt.
Hannah Arendt – Die „Banalität des Automatismus“
Hannah Arendt beschrieb bereits im 20. Jahrhundert die Gefahr, dass Handlungen nicht mehr aus verantworteter Überlegung entstehen, sondern aus einem gedankenlosen Mitlaufen in Systemen. Sie sprach von der „Banalität des Bösen“, die nicht in monströsen Absichten wurzelt, sondern im Funktionieren ohne Innehalten. In unserer Gegenwart ließe sich ergänzen: Das Böse kann auch in einem strukturellen Automatismus liegen, der niemandem mehr bewusst gehört, aber dennoch Menschen verschlingt.
Erich Fromm – Haben oder Sein
Erich Fromm kritisierte den modernen Menschen als „homo consumens“, der nicht mehr lebt, um zu sein, sondern konsumiert, um zu haben. Das Haben ersetzt das Sein. So wird der Mensch auf seine Verwertbarkeit reduziert – in der Wirtschaft als Arbeitskraft, in der Bildung als Note, in der Medizin als Krankheitsfall. Fromms Appell lautete: Nur durch eine Rückkehr zum „Sein“ – zur lebendigen Beziehung, zur Liebe, zur schöpferischen Entfaltung – kann der Mensch wieder sich selbst gewinnen.
Aristoteles – Telos und das gute Leben
Schon Aristoteles stellte die Frage, was das Ziel (telos) allen Handelns sei. Für ihn war es das „gute Leben“ (eudaimonia), nicht der unendliche Mehrwert. Heute hingegen sind wir einem pervertierten Telos verfallen: Wachstum um des Wachstums willen. Der ursprüngliche Sinn – ein erfülltes, gutes Leben in Gemeinschaft – ist verloren gegangen. Aristoteles mahnt uns indirekt, das Telos neu zu bestimmen: nicht Funktion, nicht Profit, sondern Glück, Freiheit und Gerechtigkeit.
Karl Marx – Entfremdung
Marx sprach von der „Entfremdung des Menschen“ in der Arbeit: Der Arbeiter sei nicht mehr Subjekt seines Tuns, sondern Objekt einer Maschine, die er selbst antreibt, aber die ihm fremd geworden ist. Diese Entfremdung ist heute weit über die Arbeit hinaus spürbar – in Bildung, in Medizin, im gesellschaftlichen Leben. Menschen fühlen sich wie Rädchen in einem Apparat, dessen Sinn sie nicht mehr durchschauen.
Martin Heidegger – Das Gestell
Heidegger sah in der modernen Technik eine „Entbergung“, die den Menschen in das „Gestell“ zwingt: Alles wird zum Bestand, also zu etwas, das verfügbar, berechenbar, optimierbar ist. Auch der Mensch wird in diesem Denken zum „Rohstoff“ degradiert. Was verloren geht, ist das Staunen, das Seinlassen, das Offensein für das, was sich nicht technisch erzwingen lässt. Heideggers Mahnung: Der Mensch muss sich neu auf das „Sein“ besinnen, um nicht völlig im Gestell zu verschwinden.
Schlussgedanke des Resonanzraums
Diese Stimmen, von Aristoteles bis Heidegger, weisen auf eine gemeinsame Erkenntnis hin: Eine Gesellschaft, die den Menschen aus dem Blick verliert, verliert auch ihren Sinn. Nur wenn wir den Mut haben, Zweck und Mittel wieder neu zu ordnen und das Leben selbst als Maßstab zu nehmen, können wir verhindern, dass wir uns in einem blinden Automatismus erschöpfen.
2025-09-14
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