Samstag, 20. September 2025

Die zwanghafte Aufrechterhaltung neoliberaler Strukturen und Denkweisen

Seit den 1980er Jahren prägt der Neoliberalismus das wirtschaftliche und politische Denken vieler westlicher Gesellschaften. Er versprach Wohlstand durch Deregulierung, Privatisierung und die Stärkung des freien Marktes. Doch längst ist sichtbar geworden, dass viele dieser Versprechen nicht eingelöst wurden: wachsende soziale Ungleichheit, instabile Finanzmärkte, ökologische Krisen und die Erosion öffentlicher Daseinsvorsorge. Dennoch werden neoliberale Strukturen weiterhin verteidigt und reproduziert – fast zwanghaft, als gäbe es keine Alternative. Dieses Phänomen lässt sich nicht allein ökonomisch, sondern vor allem kulturell, psychologisch und politisch erklären.

Die Ideologie als Denkgefängnis

Neoliberalismus ist nicht nur ein ökonomisches Modell, sondern eine Ideologie, die sich tief in die gesellschaftliche Vorstellungswelt eingegraben hat. Sie prägt Begriffe wie „Leistung“, „Eigenverantwortung“ oder „Wettbewerb“ und stellt sie als Naturgesetze dar. Dadurch entsteht ein Denkgefängnis: Selbst wenn die Realität die Unzulänglichkeiten dieses Modells offenbart, fällt es schwer, sich von den Kategorien zu lösen, die das Denken strukturieren. Die bekannte Formel von Margaret Thatcher „There is no alternative“ wirkt bis heute nach – nicht nur als politisches Programm, sondern als kulturelles Narrativ.

Institutionelle Verfestigung

Die Aufrechterhaltung neoliberaler Strukturen ist auch Ergebnis institutioneller Pfadabhängigkeit. Einmal eingeführte Privatisierungen, Handelsverträge oder Deregulierungen lassen sich kaum zurücknehmen, da mächtige Interessengruppen von ihnen profitieren. Internationale Organisationen wie IWF, WTO oder Weltbank haben neoliberale Prinzipien in ihren Strukturen verankert, sodass selbst Staaten, die eine Abkehr versuchen, in Abhängigkeiten geraten. Strukturen schaffen so eine Eigendynamik, die die Anpassungsfähigkeit an neue Realitäten blockiert.

Psychologische Dimension: Die Angst vor Kontrollverlust

Gesellschaften halten auch deshalb an neoliberalen Denkweisen fest, weil diese eine scheinbare Sicherheit versprechen: Die Ordnung des Marktes, die Regeln des Wettbewerbs, die klare Zuschreibung von Erfolg und Misserfolg. In Zeiten multipler Krisen – Klimawandel, Migration, geopolitische Konflikte – klammern sich viele Menschen und Eliten an diese vermeintliche Ordnung. Die Abkehr vom Bekannten würde bedeuten, ins Ungewisse zu treten. Daher wirkt der Neoliberalismus wie eine „kompensatorische Ideologie“: Er stabilisiert das Gefühl von Kontrolle, auch wenn die Wirklichkeit längst eine andere Sprache spricht.

Politische und mediale Verstärkung

Politische Entscheidungsträger und große Medien tragen aktiv dazu bei, neoliberale Denkmuster zu reproduzieren. Schlagworte wie „Haushaltsdisziplin“, „Standortwettbewerb“ oder „Flexibilisierung“ dominieren den öffentlichen Diskurs. Kritische Alternativen werden entweder marginalisiert oder als utopisch diskreditiert. Auf diese Weise verstärkt sich eine Selbstreferenzialität: Das neoliberale Denken gilt nicht deshalb als wahr, weil es funktioniert, sondern weil es permanent wiederholt wird.

Folgen der Zwanghaftigkeit

Die zwanghafte Aufrechterhaltung neoliberaler Strukturen verhindert dringend notwendige Transformationen. So blockiert die Fixierung auf Wachstum und Marktmechanismen effektive Maßnahmen gegen die Klimakrise. Die Logik der Privatisierung schwächt öffentliche Infrastrukturen, wie sich etwa in der Gesundheitsversorgung während der Pandemie zeigte. Gleichzeitig führt die wachsende soziale Ungleichheit zu politischer Radikalisierung, da immer größere Teile der Bevölkerung das Gefühl haben, ausgeschlossen zu werden.

Perspektiven jenseits des Neoliberalismus

Ein Ausweg aus dieser Zwanghaftigkeit erfordert zunächst das Bewusstwerden ihrer kulturellen und psychologischen Tiefenverankerung. Erst wenn erkannt wird, dass die neoliberale Denkweise nicht naturgegeben ist, sondern eine historisch spezifische Ideologie darstellt, können Alternativen Gestalt annehmen. Post-neoliberale Modelle – etwa Gemeinwohlökonomie, Kreislaufwirtschaft oder stärker regulierte Mischformen – liegen längst vor. Doch sie benötigen politische Räume, um erprobt zu werden, und die Bereitschaft, das Ungewisse nicht länger als Bedrohung, sondern als Möglichkeit zu begreifen.

Das neoliberale Narrativ durchbrechen

Die Aufrechterhaltung neoliberaler Strukturen, obwohl ihre Defizite offensichtlich sind, gleicht einem kollektiven Zwang. Sie ist weniger Ausdruck rationaler Abwägung als vielmehr Folge von Machtinteressen, Denkgewohnheiten und Ängsten. Der Preis dieser Starrheit ist hoch: Stillstand in einer Welt, die sich rasant wandelt. Erst wenn Gesellschaften den Mut aufbringen, das neoliberale Narrativ zu durchbrechen, kann sich eine neue politische und ökonomische Kultur entwickeln, die den Herausforderungen der Gegenwart tatsächlich gewachsen ist.

Philosophische Vertiefung: Die Zwanghaftigkeit neoliberaler Strukturen

Die eigentliche Zwanghaftigkeit des Neoliberalismus liegt nicht allein in seinen ökonomischen Mechanismen, sondern in der Durchdringung des gesamten Denk- und Handlungshorizonts. Philosophen wie Michel Foucault haben gezeigt, dass Macht nicht nur repressiv wirkt, sondern sich in Diskursen, Institutionen und Subjektformen verankert. Der Neoliberalismus produziert eine bestimmte Form des Menschen: den unternehmerischen Selbstakteur, der sein Leben wie ein Unternehmen führt, Risiken managt, sich selbst optimiert und in Konkurrenz mit anderen steht. Diese „Subjektform“ wird so stark internalisiert, dass sie selbst dann fortwirkt, wenn die Realität ihre Absurdität längst offenbart.

Jürgen Habermas hat die Tendenz des ökonomischen Systems beschrieben, die Lebenswelt zu kolonisieren. Das bedeutet: Werte wie Solidarität, Verantwortung oder Dialog treten zurück, während Marktlogiken in Bereiche vordringen, die ursprünglich von kulturellen oder sozialen Normen bestimmt waren. Die neoliberale Zwanghaftigkeit zeigt sich hier als fortgesetzte Ausdehnung ökonomischer Rationalität in alle Lebensbereiche – selbst in Bildung, Gesundheit oder Familie.

Erich Fromm wiederum sprach von einem „Marketing-Charakter“ moderner Gesellschaften: Menschen erleben sich nicht mehr als individuelle Wesen mit unveräußerlichen Qualitäten, sondern als Waren, die sich präsentieren, verkaufen und ständig verbessern müssen. Diese innere Anpassung an eine Marktlogik verstärkt die neoliberale Zwanghaftigkeit psychologisch – sie wirkt nicht mehr wie äußerer Druck, sondern wie selbstgewählte Pflicht.

Auch Karl Marx lässt sich in diesem Zusammenhang lesen. Sein Begriff des „Fetischcharakters der Ware“ verweist auf die mystifizierende Kraft ökonomischer Kategorien. Im Neoliberalismus zeigt sich dieser Fetisch in der Idee, dass Märkte über quasi-natürliche Kräfte verfügen. Damit verwandeln sich historisch kontingente Ordnungen in scheinbar unveränderliche Notwendigkeiten. Diese Verdinglichung ist ein Kernmoment der Zwanghaftigkeit: Man hält an Strukturen fest, weil man sie für naturgegeben hält.

Insgesamt offenbart sich der Neoliberalismus damit als ein psychosoziales Regime, das Menschen dazu bringt, ihre eigene Abhängigkeit zu reproduzieren. Der Zwang entsteht nicht primär durch äußere Gewalt, sondern durch die Internalisierung von Kategorien, die das Denken und Handeln bestimmen. Erst durch kritische Reflexion – wie sie Foucaults Genealogie, Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns oder Fromms Analyse des entfremdeten Menschen anregen – lässt sich diese Zwanghaftigkeit sichtbar machen und möglicherweise überwinden.

2025-09-10


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